Das Ende der Kultur findet nicht statt
Vorbemerkung: Inzwischen ist es ziemlich genau einen Monat her, dass @michaelreuter an @meta_blum, @furukama, @jbenno und den Autor dieser Zeilen den Wunsch nach Kommentierung eines ethnologisch-medientheoretischen Blogposts herantrug. Der Autor dieser Zeilen hatte sich sogar zeitnah darangemacht, nach bestem Wissen ein paar Gedanken beizutragen, wurde dann aber unterbrochen, war anderweitig beschäftigt und vergaß zwischendurch das Fragment seines Beitrags. Nachdem er ihn aber durch Zufall wiederentdeckt und sogar ein wenig Zeit zur Komplettierung gefunden hat, sei er hiermit, trotz der erheblichen Verspätung (und der Gefahr, dass es nun ohnehin keinen mehr interessieren könnte) dennoch der Welt mitgeteilt.
Angesichts des Todes von Claude Lévi-Strauss hat sich @michaelreuter ein paar ernste medientheoretische Gedanken gemacht, die zwischenzeitlich sogar seine sonst unübersehbare Social-Media-Euphorie zu dämpfen vermochten:
„Bei der Lektüre der Berichte zum Tode des Anthropologen Claude Lévy-Strauss hat mich ein Gedanke besonders gefesselt: Könnte es sein, dass das Internet dafür sorgt, dass die Entwicklung der Menschheit nicht gefördert, sondern im Gegenteil verlangsamt wird oder sogar aufhört und dem Menschen bei seiner Verkümmerung behilflich ist? Ist es denkbar, dass durch die zunehmende Transparenz des Wissens, der Meinungen und der Aktivitäten der Teilnehmer des Netzes gerade die für eine biologische und kulturelle Entwicklung notwendigen Unterschiede individueller, abgekapselter Gruppen verlorengehen?“
Dass diejenigen, denen er seine Frage via Twitter besonders ans Herz legte, dieser kulturpessimistisch grundierten Anfrage ein ziemlich homogen zuversichtliches Szenario entgegenhielten, ließe sich sich nun zunächst fast schon als Bestätigung der These lesen, macht es aber vor allem dem, der erst mit Verspätung zum antworten kommt, nicht eben leicht, noch etwas beizutragen, was über simple Bekräftigungen und Annotationen hinausgeht. Aber sehen wir mal.
@furukama hat schon ausführlich dargelegt, dass jede Rezeption medialer Inhalte und jeder Mediengebrauch in hohem Maße "kontextsensitiv" ist, dass also auch weltweit erfolgreiche Produktionen wie "Dallas" oder "Rambo" in unterschiedlichen Kulturen jeweils komplett unterschiedlich wahrgenommen werden/wurden. Man möchte hinzufügen: selbst innerhalb der nationalen/lokalen Kulturen ist das ja schon lange so. Die Forschungsergebnisse der britischen "Cultural Studies" deuten in toto darauf hin, dass nicht einmal das Publikum reichweitenstarker nationaler Massenmedien (TV) wirklich das gleiche Programm sieht - sondern dass dieses Publikum vielmehr, im Hinblick auf die Rezeptionssituationen und (noch wichtiger) die aktive Aneignung und (Um)deutung der Inhalte, rasant in eine kaum mehr zu benennende Vielzahl von Entitäten zerfällt, je länger und genauer man es beobachtet.
Um wieviel stärker aber müssen diese Effekte sein, wenn man sich die Medienwirklichkeit 2.0 betrachtet, in der auch die seinerzeit innovativen interesseleitenden Kategorien der klassischen Cultural Studies (Klasse, Schicht, Ethnie, Gender) nicht mehr so recht (oder nur noch in komplexen Kombinationen zusammen mit vielen weiteren) zu greifen scheinen?
Kurz gesagt: scheint es ja, als ob die Welt mit jedem Erscheinen eines neuen Leitmediums nicht einfacher erfaßbar würde, sondern, im Gegenteil, immer unübersichtlicher. (Man erinnere sich nur daran, wie bereits die Erfindung des Buchdrucks die Menge der religiösen Wahrheiten und Optionen geradezu explosionsartig vervielfacht hat)
Passend dazu hat @jbenno auch die - von McLuhan postulierte - Retribalization durch das Ende der Schriftkultur in die Debatte geworfen. Obschon diese Analyse McLuhans ohne Zweifel zutreffend ist und - wie viele Thesen McLuhans - aus seiner historischen Perspektive nachgerade prophetische Züge hatte, scheint sie mir doch für die heutige Situation zu kurz zu greifen.
Zwar scheint, gerade in den sog. Social Media (oder vielleicht ohnehin hübscher: Community Media; oder gleich Tribal Media?) die Welt durchaus in ortsunabhängige Stämme sich zu organisieren, oder, wie @furukama so schön formuliert: "De facto nutzen wir Plattformen wie Twitter, Facebook oder auch Blogs tendenziell eher tribalistisch als esperantistisch." In der Tat, meiner eigenen Erfahrung nach formiert sich z.B. die nähere Umgebung auf Twitter schnell und erstaunlich kohärent entlang von Gemeinsamkeiten in puncto Bildung, Habitus, Geschmack, kulturelles Kapital, Humor usw. Ich habe dort eine ganze Reihe von Menschen kennengelernt, die ich ohne Twitter vielleicht nie getroffen hätte, die aber perfekt zu meinem bisherigen exquisiten Freundes- und Bekanntenkreis passen könnten; diejenigen davon, die physisch zu treffen ich bisher das Vergnügen hatte, haben den im medialen Raum gewonnenen Eindruck auch keinesfalls enttäuscht. Der „digitale Salon“ (eine Formulierung, die ich @meta_blum verdanke) ist also wohl zwar prinzipiell offen für neue Teilnehmer, aber in gewisser Weise bleiben wir doch erstaunlich entre nous - von im weiteren (Sprachverstehen) oder im engeren Sinne (Beschränkung auf aktive Twitterati, Digital Divide etc.) technischen Zugangsschwellen einmal ganz abgesehen.
Doch über diese primäre Peer Group hinaus gibt es nicht nur ein breites Grundrauschen, sondern noch ein regelrechtes Multiversum anderer partikularer, interessensgebundener Vergesellschaftungsformen, das mir reichhaltig genug erscheint, um die These von der Re-Tribalisierung zu revidieren, bzw. zu spezifizieren. Um noch einmal von mir selbst zu sprechen: ich fühle mich in diesem digitalen Salon überaus wohl, ich trinke bei jeder Gelegenheit begierig den Nektar von Informiertheit, Intellekt, Witz und Herzensbildung, der dort reichlich fließt; aber daneben tausche ich mich eben auch mit Individuen (aus aller Welt) aus, mit denen mich – weit entfernt von einem gemeinsamen Horizont und Habitus – lediglich ein einzelnes, auf meine Peer Group vielleicht sogar unverständlich bis exzentrisch wirkendes Spezialinteresse verbindet. Aber nichts desto weniger: auch diese Kontakte sind zum Teil durchaus dauerhafter Art und bewirken meinerseits wiederum eine gewisse Anteilnahme an weiteren Lebensumständen der KorrespondentInnen. (Hier unterscheiden sich die meine Rezeptionshaltung gewaltig von jener bei den traditionellen Medien. Die Lebensumstände von Zeitungsjournalisten z.B. interessieren mich tatsächlich nicht die Bohne, auch wenn eine wahre Flut von Kolumnisten mir das regelmäßig durch das Veröffentlichen ihrer komplett uninteressanten Alltagsgeschichten zu unterstellen scheint)
Ich würde annehmen, dass viele Social-Media-Nutzer ähnliche sekundäre und tertiäre Bezugsgruppen kennen. Ist aber all das noch wirklich als „tribal“ zu bezeichnen? Oder gibt es über den Stamm hinaus eben nicht vielmehr noch eine Reihe von anderen Beziehungsmodi (mit unendlich differenzierten Loyalitäts-, Kongruenz- und Kohärenzabstufungen), für die noch ganz andere i.W.S. ethnologische Metaphern (Unterstamm, Clan, Sippe, Familie, Verein, Stammtisch, Clique/Posse/Gang, usw.) benötigt würden? Angesichts der Vorstellungen des Beständigen, Organischen und Kohärenten, die in der Stammesmetapher mitschwingen, scheint mir das Soziale in den sozialen Medien oft viel zu situational, von Brüchen durchzogen, verschachtelt und vielschichtig, selektiv, kompliziert bis schwer durchschaubar und manchmal regelrecht windschief. Nichtsdestotrotz: funktioniert es anscheinend und erstaunlicherweise ganz wunderbar und tendenziell für alle Beteiligten befriedigend. Vielleicht leben wir also alle viel weniger in Stämmen (das tun wir im analogen Leben ja auch nicht wirklich), sondern in selbstgewählten, selbst gebastelten Patchwork-Dörfern. Und McLuhans Global Village ist nicht ein globales Dorf, sondern eine Vielzahl von (immerhin häufig wirklich globalen) Dörfern, so viele Dörfer möglicherweise, wie es Nutzer gibt. Die Architektur dieser Dörfer ist natürlich nicht die, die man mit den hergebrachten Dörfern der Ethnologen und der Tourismusprospekte verbindet, sondern eine je individuelle, industriell vernakulare Architektur, die zwar global ist in ihrer Material- und Mustersprache, die aber dennoch ziemlich ortsspezifisch in ihrer individuellen Umsetzung ausfallen.
Und à propos „gebastelte Patchwork-Dörfer“: das Basteln, die Bricolage, scheint mir ein weiterer Gedanke von Lévi-Strauss zu sein, der sich gut zur Analyse und zum Verständnis zahlreicher Aspekte der Web2.0 Kultur eignet. Sampling, Remix, Mashup, Synchro, Verlinkung, Kommentierung, Entkontextualisierung/Rekontextualisierung, Verknüpfung von allem mit allem: es liest sich wie eine Exemplifizierung des Lévi-Strauss’schen Begriffs der Bricolage, der aus seinem Konzept des „Wilden Denkens“ stammt, und mit dem die nicht vordefinierte Reorganisation von bereits zur Verfügung stehenden Zeichen, Dingen und Ereignissen zu neuen Strukturen und zu neuem Sinn gemeint ist.
Es ist interessant, wie Lévi-Strauss in einem Interview (dessen Quelle mir leider gerade abhanden gekommen ist) die Bricolage ausdrücklich als wichtige Chance für die westlichen Gesellschaften und als notwendiges Korrektiv für die industrielle Produktions- und Lebensweise einschätzt:
„Eine solche Art der Aktivität ist vielmehr eine der wenigen Chancen des Menschen einerseits gegenüber der Mechanisierung und Industrialisierung unseres Lebens, und andererseits gegenüber diesem Konkurrenzdenken, das uns in unserem Berufsleben aufgezwungen wird. Der Sport scheint uns da eine Vorstellung anzubieten, die aber nicht immer zufriedenstellend ist. Dagegen hätte eine Tätigkeit wie die Bricolage ihren Platz in unserer Gesellschaft und würde ein immer größer werdendes Bedürfnis unserer Gesellschaft befriedigen, da sie gleichzeitig sehr frei, sehr eng an die konkreten Verhältnisse gebunden und voller Bedeutungen ist, die nach Bedeutung streben. All dies, meine ich, ist Teil einer Metaphysik der bricolage, wie ich es nennen möchte, und daher sollten wir der Bricolage mit sehr viel Respekt und nicht endenwollender Aufmerksamkeit begegnen."
Diese Einsicht ist angetan, auch @michaelreuter’s pessimistische Frage aus dem eingangs zitierten Blogpost zu beantworten, ob es denkbar sei, „dass durch die zunehmende Transparenz des Wissens, der Meinungen und der Aktivitäten der Teilnehmer des Netzes gerade die für eine biologische und kulturelle Entwicklung notwendigen Unterschiede individueller, abgekapselter Gruppen verlorengehen?“ Mit Lèvi-Strauss müßte man nämlich entgegnen, dass es Unterschiede (und unterscheidbare – wie auch immer organisierte – Gruppen) und neue Entwicklungen geben wird, solange die Menschen eben basteln (und es gibt keinen vernünftigen Grund, daran zu glauben, dass sie irgendwann damit aufhören sollten). Ja, selbst wenn irgendwann gar keine neuen kulturellen Ausgangsmaterialien mehr hinzukämen (auch das eine außerordentlich unwahrscheinliche Annahme), wäre dies so gesehen auch noch nicht das Ende der Entwicklung.
„Denken wir uns das Andere als nachwachsenden Rohstoff!“ schlägt @meta_blum vor, und prognostiziert:
„Unterschiedliche Denkbiotope werden bleiben, egal wie stark der Austausch durch die neuen Medien sein wird. Dieser Austausch macht es möglich, dass sich unterschiedliche Ansätze zusammenfinden und sie ihre Positionen klarer artikulieren können.“
Auch was diesen Aspekt angeht, kann man bei der Analyse der gegenwärtigen Medienwirklichkeit und ihrer Folgen vom Strukturalismus Lévi-Strauss’scher Couleur lernen, dem es bei der Analyse von Kultur eben nicht um die absolute Qualität oder den absoluten Sinn oder die absolute Bedeutung bestimmter Objekte, Mythen, Regeln oder Rituale geht, sondern vor allem um ihre relationalen Aspekte, und somit: um Unterschiede.
Ein Ende der Entwicklung im universell-nivellierten „Clusterfuck“ (Reuter) ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil Menschen in großen Teilen ihrer Geschichte nichts so sehr verabscheut haben wie Nivellierung. Noch in Epochen oder in Gesellschaften, die oberflächlich sehr homogen aussehen, war das Streben der Einzelnen (zumindest seit der Neuzeit) stets auch durch das Bemühen motiviert, sich als Individuum (oder wenigstens als Angehöriger einer begrenzten Untergruppe) abzusetzen und zu kennzeichnen. Das unermüdliche Erzeugen von Unterschieden kann man durchaus als anthropologische Konstante und als zentrale Triebfeder menschlicher Kulturentwicklung verstehen. Wo sich, bei oberflächlicher Betrachtung ein Eindruck von Nivellierung ergibt, ist es meist einfach nur der Betrachter, der die Feinheit der Unterschiede oder ihre Kategorien nicht versteht. Doch so fein und scheinbar abseitig die Unterschiede, welche einen Unterschied machen, auch sein mögen: für die handelnden Subjekte sind sie genauso bedeutsam und sinnerzeugend wie die offensichtlichen, groben Unterschiede anderer Epochen. Es gibt keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass dies sich nun ausgerechnet im Rahmen der weltweiten technischen Netze und der sozialen Medien ändern sollte.
Die Welteinheitsdystopie findet vorerst also nicht statt.